Romancing the Past

Niemals wirst du die Sinnlichkeit des ersten Pinselstrichs auf einem neuen leeren Blatt erfahren – die Maus an deinem Computer ist nur ein leeres Ding ohne Persönlichkeit. Das erklärte mir kürzlich meine Freundin Loni.

Das wirkliche Gefühl für die Fotografie erspüre ich natürlich auch nur mit einer rein mechanischen Mittelformatkamera. Das hat mir mein Nachbar dargelegt. Blendenautomatik und Autofokus sind alles nur billiger Hokuspokus … das alles entfremdet mich nur vom wahrhaftigen Bild.

Die Schönheit eines handgefertigten fotografischen Prints wird sich mir nie eröffnen, die Elektronik des Schrittmotors meines Druckers kann keine echte Befriedigung bieten.Die besondere Erotik eines Belichtungsmessers hat sich mir nie erschlossen.

Ich gestehe: Ich liebe die Automatiken der modernen Kameras. Ein Autofokus ist in meinem Alter unersetzlich und außerdem so viel schneller als ich. Bei den ersten Ausdrucken auf dickem Büttenpapier habe ich aufgeregt auf jeden Zentimeter Anblick gewartet, den der Drucker mir gewährt hat. Die digitalen Aufnahmen der blühenden Narzissenfelder in der Eifel aus der ersten Digitalkamera halte ich immer noch hoch in Ehren.

Natürlich ist das alles nur „digital“. Von der hohen Auflösung des Planfilms in der Fachkamera bin ich noch Äonen entfernt – die hohe Informationsdichte und die Schärfe zählen im edlen Wettstreit um den größten Planfilm. Ein guter Platinumdruck der meistfotografierten amerikanischen Berglandschaft erfordert jahrelange Erfahrung und Tage und Nächte meisterhafter handwerklicher Arbeit. Dafür bekomme ich ein Zertifikat mitgeliefert, dass mir die Haltbarkeit des Prints auf viele Jahrzehnte sichert.
Davon kann ich mit meiner Digitalknipse nicht einmal träumen – ich muss schließlich nur ein paar Knöpfe drücken.

Ein gutes Bild braucht die Romantik des „Handgemachten“, es muss groß sein, seine inneren Werte werden in Arbeitszeit gemessen und muss Hunderte von Jahren halten. Interessiert sich eigentlich jemand dafür, was hier ins Bild gesetzt wurde?

Je antiquierter die Herstellung eines Werkes wirkt, desto wertvoller wird es. Wir verehren die Romantik des Tischlerberufes und die Urtümlichkeit des Steinmetzes, aber keiner von uns schwärmt für die große Wäsche mit dem Waschbrett am Bottich.